Kommunikation und Sprache

Der bekannte Spruch, dass aphasische Personen besser kommunizieren können als sprechen, bewahrheitet sich immer wieder. Um das zu verstehen, muss man einige Punkte über das Phänomen Sprache erläutern und über die Beziehung zwischen Kommunikation und Sprache reflektieren.

Man kann das Phänomen Sprache prinzipiell unter zwei Gesichtspunkten betrachten, dem der Struktur und dem der Funktion:

Struktur

Grammatik
Wortformen
Regeln

Funktion

Wissenserwerb
Kulturvermittlung
Kommunikation

Jede Sprache hat eine bestimmte Struktur.

Diese ist ein kompliziertes System aus Regeln, ungefähr vergleichbar mit der Grammatik einer Sprache plus einem Wörterbuch, in dem die Wörter verzeichnet sind.
Wir besitzen als Sprachgesunde normalerweise die Fähigkeit, unendlich viele Aussagen zu bilden. Wir können dies mittels der Wörter unserer Muttersprache und der Regeln, mit denen wir Wörter verändern (laufen, läuft, gelaufen), zusammensetzen (les-bar, ess-bar, unhalt-bar) und zu Phrasen und Sätzen kombinieren.
Normalerweise denken wir über diese Aspekte nicht weiter nach. Die menschliche Sprach-verarbeitung läuft unbewusst ab, und wir haben unsere Sprache mit allen Wörtern und Regeln einfach zu unserer Verfügung.

Bei Aphasie ist dies eben nicht mehr der Fall. Aphasische Personen haben Probleme, die richtigen Wörter im richtigen Moment abzurufen und zu Phrasen und Sätzen zu kombinieren.

Neben der Struktur hat Sprache aber auch Funktionen.

Für die Menschen insgesamt ist Sprache ein Mittel, die Welt zu ordnen und Wissen und Kultur weiterzugeben. Spracherwerb ist zugleich Wissens- und Kulturerwerb. Die für unser Thema wichtigere Funktion von Sprache ist die der Kommunikation. Und Kommunikation ist typischerweise zielgerichtet.

Wenn wir uns sprachlich äußern, dann machen wir das nicht für uns, sondern zusammen mit anderen bzw. für andere. Wir verfolgen dann bestimmte Ziele. Wir möchten informieren, bitten, drohen, anbieten, fordern, befehlen, andeuten, Freundschaften pflegen, Beziehungen erhalten, beenden oder anfangen usw.. Wenn man von einer Aphasie betroffen ist, dann ist natürlich auch die Funktion der Sprache, die Kommunikation, beeinträchtigt.

Man muss jetzt aber sehen, dass menschliche Kommunikation zwar überwiegend auf Sprache und sprachlichen Mitteln aufgebaut ist, dass aber auch andere Anteile sehr wichtig sind: Stimme, Körperhaltung, Gestik und Mimik übermitteln genauso Inhalte wie Sprache.

Das heißt, wir können unsere kommunikativen Ziele mit verschiedenen Mitteln verfolgen. Und diese Möglichkeit nutzen die aphasischen Personen. Denn bei Aphasie liegt eine Sprach(struktur)störung vor, welche der aphasischen Person die anderen Möglichkeiten der Kommunikation offen lassen. Und nicht wenige Betroffene versuchen daher, ihre sprachlichen Probleme mit nicht-sprachlichen Mitteln zu kompensieren.

So ist natürlich verständlich, dass die aphasischen Personen tatsächlich oft besser kommunizieren als sie sprechen. Aber auch die beste nonverbale Kommunikation macht die Sprachstörung leider nicht wett. Und so bleibt die Tatsache, dass aphasische Personen ein Kommunikationsproblem haben.

Das zentrale Problem bei Aphasie ist die Kommunikationsbeeinträchtigung als Folge der Sprachstörung.
Das Problem ist für die Betroffenen natürlich sehr frustrierend, weil aphasische Personen ganz normale Redeabsichten und Wünsche haben, die sie vermitteln möchten. Sie sind aber nicht mehr in der Lage, ihre Wünsche, Ansichten und Meinungen in der gewohnten Weise zu vermitteln.

Wenn man über Kommunikation spricht, muss man auch bedenken, dass zum Kommunizieren zumindest immer zwei Personen gehören. Und wenn man sich diesen Gesamtprozess vorstellt, muss man folgendes erkennen: Aphasie betrifft auch die sprachgesunden Kommunikationspartner.

Wenn nämlich in einer Kommunikation ein Teilnehmer nur eingeschränkte Ausdrucks-möglichkeiten hat und zudem vielleicht einen Teil des zu ihm Gesagten nicht versteht, dann hat auch der Kommunkationspartner der aphasischen Person ein Kommunikationsproblem! Denn auch dieser Kommunikationspartner kann sich nicht verständlich machen, und auch er versteht das ihm Mitgeteilte nur zum Teil.

Damit ist verständlich, dass Aphasie im gewissen Sinne „ansteckend“ ist und alle vor ein Problem stellt. Somit ist ebenfalls klar, dass auch die Kommunikationspartner der aphasischen Personen sich überlegen müssen, wie sie die Kommunikation „aphasiefreundlich“ und damit effektiver gestalten können. Kommunizieren ist eben ein gemeinschaftlicher Prozess, und der alte Spruch „Das Ergebnis ist mehr als die Summe der Einzelteile“ gilt auch hier.

Gemeinsam kommt man weiter als allein!

(Quelle: Ratgeber Aphasie)

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