Spielend gegen Sprachstörungen – Ein neuer Therapieansatz

„Haben Sie die Karte: Das Mädchen trocknet sich ab?‘“ Als Michael Haaland diese Frage langsam, aber mit korrekt gewählten Worten an Rosemarie Freytag richtet, muss sie kräftig schmunzeln. Genau dasselbe hatte sie zuvor einen anderen der drei Mitspieler gefragt, um in den Besitz der begehrten Karte zu kommen, auf der in schwarz-weiß die Zeichnung eines Mädchens mit Handtuch zu sehen ist. Nun ist sie ihre Karte los und Haaland kann das Kartenpaar für sich verbuchen.

Die Freude am Spiel ist für die Vierer-Runde zwar durchaus erwünscht, aber nicht unbedingt selbstverständlich, denn für die Spieler bedeutet das Kartenspiel harte Arbeit. Alle vier leiden nach einem Schlaganfall unter starken Sprachstörungen, in der Fachsprache Aphasie (griechisch: Sprachlosigkeit) genannt, wie sie häufig nach Schlaganfällen auftritt. Oft müssen sie um Worte ringen, um zu erklären, was auf ihren Karten zu sehen ist, beispielsweise ein Mann, der sich rasiert, oder eine Frau, die in den Spiegel schaut.
Fällt ihnen ein Begriff nicht ein oder benutzen sie ein falsches Wort, greifen die Logopädinnen Julia Weber und Nadine Palitzsch ein, indem sie das richtige Wort vorsagen. Sie greifen auch ein, wenn einer der 55 bis 69 Jahre alten Patienten unwillkürlich beginnt, sich mit Gesten zu verständigen. Denn hier soll es ausschließlich um das Sprechen gehen.

Das Kartenspiel ist Teil eines Therapieprojekts für Menschen mit Sprachstörungen, das vor zwei Jahren in der August-Bier-Klinik startete. Es basiert auf der Erkenntnis, dass die Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten entscheidend von intensiven Intervall-Therapien abhängt, erläutert Renate Damm, Leitende Sprachtherapeutin der Fachklinik für Neurologie, Neurotraumatologie und Rehabilitation. „Medizinische Studien belegen eindeutig, dass eine Aphasietherapie nur dann erfolgreich ist, wenn ein Patient mehr als neun Stunden pro Woche sprachtherapeutisch behandelt wird“, sagt Renate Damm, die auch Leiterin des Landes-Aphasie-Zentrums Schleswig-Holstein ist.

Drei Merkmale kennzeichnen den gewählten Ansatz, die Constraint-Induced Aphasia Therapy (CIAT), erläutert Renate Damm.

  1. Das Sprechen steht im Gegensatz zum Schreiben im Vordergrund.
  2. Es sollen vor allem sprachliche Alltagssituationen trainiert werden, so dass sich die Betroffenen beispielsweise wieder ein Brötchen beim Bäcker kaufen können;
  3. Es ist eine intensive Therapie: An zehn Tagen wird jeweils drei Stunden geübt, davon eine Stunde in Einzeltherapie und zwei Stunden in der Gruppe.

So sollen sich nicht nur das Sprechen, sondern auch das Verstehen und Lesen verbessern.

Schlaganfall-Patient Michael Haaland ist von der Therapie sehr angetan: „Das hat wirklich etwas gebracht“, sagt der 66-Jährige und fügt hinzu: „Jedes Mal, wenn wir uns getroffen haben, ist es ein bisschen besser geworden.“ Als ihn vor fünf Jahren der Schlag traf, verschlug es ihm die Sprache: „Ein Jahr lang konnte ich überhaupt keinen Satz sprechen“, erinnert sich der Hamburger, der früher als Ingenieur bei einem großen Stromversorger arbeitete.

Renate Damm bemüht sich derzeit, eine zweite Therapiegruppe für ebenfalls vier Patienten aufzubauen. Doch es ist ein zähes Ringen. Es müssen nicht nur Sprachtherapeuten organisiert werden. Besonders die privaten Krankenversicherungen seien schwer davon zu überzeugen, die Kosten für die Therapie zu übernehmen. Dabei ließen sich durch eine anschließende mehrwöchige Pause bei der herkömmlichen Therapie auch Kosten sparen, argumentiert Renate Damm. Außerdem sei das Geld aufgrund der Wirksamkeit der Therapie gut angelegt. Kein schlechtes Argument angesichts der knappen Mittel im Gesundheitswesen.

Zu den Zielen des Landesaphasiezentrums gehört es daher, Ärzten und niedergelassenen Therapeuten die Therapieform näher zu bringen. Denn allein in Schleswig-Holstein liegt die Zahl von Aphasie-Patienten, für die CIAT in Frage käme, vermutlich im vierstelligen Bereich. Schon jetzt bekommt Renate Damm jährlich bis zu 30 Anfragen für einen Therapieplatz.
Michael Haaland will die Therapie auf jeden Fall auch in Zukunft fortsetzen: „Unbedingt“, sagt er und seine drei Mitspieler nicken zustimmend.

Informationen zu der Sprachtherapie für Aphasie-Patienten in der August-Bier-Klinik
erteilt Renate Damm vom Landes-Aphasie-Zentrum:
Telefon 04523/405-132, E-Mail: r.damm@august-bier-klinik.de

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